Pleiten, Pech und Pannen erlebten die Spitzenkandidaten in der ersten Woche des britischen Wahlkampfes

Als Tiger losgesprungen, als Bettvorleger geendet. So berichten böse Zungen über Boris Johnsons letzte Woche im britischen Wahlkampf. Vor einer Woche führte der britische Premierminister noch haushoch in allen Meinungsumfragen. Aber nun zeigt der Trend nach unten.

Just als bekannt wurde, dass Johnson überraschend schlechte Umfragewerte bei weiblichen Wählern hat, musste ein Kandidat der Konservativen für das Unterhaus zurücktreten, nachdem bekannt wurde, dass er in einem Beitrag in den sozialen Medien Frauen eine Mitverantwortung für Vergewaltigungen gegeben hatte. Ein „Shitstorm“ auf Twitter fegte den Kandidaten weg, noch bevor Johnson ihn feuern konnte.

Und wenn das für Johnson und die Partei nicht schon schlimm genug wäre, musste dann sogar ein Minister seinen Hut nehmen, nachdem man ihn beim Lügen erwischt hatte. Offensichtlich konnte er nicht so trickreich und geschickt agieren wie Johnson, der selbst auch gerne ein Spiel mit Halbwahrheiten treibt.

Aber damit nicht genug: Der nächste mediale Tsunami galt Johnsons engem Verbündeten, Jacob Rees-Mogg. In einem Radiointerview beleidigte der Minister die Opfer eines Großbrandes in einem sozialen Brennpunkt in London im Jahre 2017, bei dem dutzende Menschen ums Leben kamen. Der Aristokrat Rees-Mogg unterstellte ohne eine Spur von Empathie mit den Opfern zu zeigen, sie seien doof, weil sie nicht weggelaufen seien – trotz anderslautender Anweisungen der Feuerwehr. Johnson verbannte ihn postwendend aus dem Wahlkampf.

Aber es brannte bereits lichterloh im Wahlkampf der Konservativen und der Feuerwehrmann Johnson konnte nicht verhindern, dass ein hohes Parteimitglied ertappte wurde, als er Fake News verbreitete. Dieser musste zugeben, ein TV-Interview mit einem Labour-Politiker nachträglich gefälscht und in den sozialen Medien veröffentlicht zu haben, mit dem Ziel den Politiker als ahnungslos darzustellen. Da reicht keine Entschuldigung mehr.

Aber Johnson selbst trug auch erheblich zum Chaos bei. Bei einem Besuch in Nordirland erklärte er, es werde unter seinem Brexit-Deal keine Zollkontrollen für Waren, die zwischen Nordirland und Großbritannien unterwegs sind, geben. Er wurde postwendend von EU-Politikern scharf kritisiert, weil er scheinbar seinen eigenen Deal mit der EU nicht gelesen hat, der das Gegenteil festlegt. Peinlich oder einfach dreist? Die zweite Option scheint wahrscheinlicher.

Am Ende der Woche folgte eine weitere Peinlichkeit: Johnson kündigte an, bis zum Austritt Großbritanniens aus der EU keinen Alkohol mehr trinken zu wollen, und wurde prompt mit einem Glas Whiskey in der Hand bei einem Wahlkampfauftritt in Schottland von den allgegenwärtigen TV-Kameras erwischt. Kann man diesem Mann überhaupt etwas glauben, fragen sich viele Briten.

Dass diese turbulente Woche Johnson die Hälfte seines Vorsprungs über Labour in den Meinungsumfragen gekostet hat, kam dann wohl nicht mehr überraschend.

Labour-Chef Jeremy Corbyn stand Johnson aber, was Pannen anging, kaum nach. Völlig unerwartet kündigte Corbyns Stellvertreter, Tom Watson an, nicht mehr für das Unterhaus kandidieren zu wollen. Ein Erdbeben für die Partei. Watson ist nicht irgendwer. Er vertritt den  gemäßigten Flügel der Partei, der sich als Erbe der Politik Tony Blairs versteht. Und Watson galt auch als Pfeiler der Partei, der fest in der politischen Mitte verankert ist. Seine Anhänger beobachten seit vier Jahren mit wachsender Fassungslosigkeit, wie Corbyn die Partei auf einen radikalen Linkskurs bringt. Corbyn sortiert diese Rebellen gnadenlos aus mit dem Ergebnis, dass viele auf eine erneute Kandidatur verzichten. Seit 2015 war Watson ihr Anführer und hat mehr als jeder andere Labour-Politiker seit dem Referendum 2016 getan, um EU-Gegner Corbyn dazu zu bringen, seine ursprüngliche Unterstützung für den Brexit zunächst abzuschwächen und schließlich sogar ein zweites Referendum zu fordern. Dass das Verhältnis der beiden Politiker seit Monaten zerrüttet war, war kein Geheimnis. Corbyn hatte noch beim letzten Parteitag versucht, Watson loszuwerden, indem ein Verbündeter Corbyns einen Antrag auf Abschaffung des Postens des stellvertretenden Parteichefs stellte – erfolglos. Corbyn musste zurückrudern und seine Unterstützung für Watson öffentlich beteuern.

Watsons Ausstieg aus der Parteiführung trifft Labour aber schwer. Er galt als Hoffnungsträger der Labour-Wähler und Aktivisten, die sich mit dem Brexit nicht abfinden wollen. Ohne Watson könnten viele Wähler nun ihre Unterstützung für Labour und Corbyn überdenken. Kaum war sein Abgang bekannt, wurde Corbyn von zwei ehemaligen Labour-Abgeordneten attackiert, da er es nicht geschafft hat, den Antisemitismus in der Partei auszurotten. Corbyn sei eine Gefahr für die nationale Sicherheit, erklärten sie noch zusätzlich. Der Angriff kam Stunden nach der Veröffentlichung eines Artikels im „Jewish Chronicle“, der behauptete, die meisten britischen Juden würden glauben, dass Corbyn antisemitisch sei – ein Vorwurf, den Corbyn zurückweist. Aber gerade diese Woche wurden Beschuldigungen laut, ein Mitglied des Schattenkabinetts solle „Hey Jew“ statt „Hey Jude“ zum Beatles-Song bei einer Busfahrt von Labour-Parteimitgliedern gesungen haben. Die Beschuldigung wurde zurückgewiesen. Corbyn kündigte umgehend eine Untersuchung des Vorwurfs an. Am selben Tag erklärte der früher Innenminister und Labour-Veteran David Blunkett, er sei über den
Antisemitismus in der Partei verzweifelt.

Tatsache ist, dass Corbyn nun einen hohen Preis dafür zahlt, dass er den in der Partei grassierenden Antisemitismus nicht schon längst beseitigt hat. Aber es hätte der Trennung von alten Wegbegleitern bedurft, sagen seine Kritiker, und dieser Preis war Corbyn bisher wohl zu hoch.

Aber Corbyn hatte die Woche der Pannen nicht allein zu verantworten. Labour-Kandidaten für das Unterhaus halfen kräftig mit. Drei Politiker der Partei wurden innerhalb der letzten Woche wegen des Gebrauchs von widerlichen sexistischen,   frauenverachtenden sowie rassistischen Sprüchen in den sozialen Medien zum Rückzug gedrängt. Ein alarmierendes Zeichen für die Partei.

Am Ende der Woche konnte Johnson froh sein, dass die Labour-Partei in fast genauso vielen Schwierigkeiten wie die Konservativen steckte.  Aus Johnsons großem Vorsprung Anfang der Woche blieben nur sieben Prozentpunkte übrig. Aber für viele politische Beobachter ist klar: Mit einem anderen gemäßigteren Parteichef würde Labour wahrscheinlich jetzt haushoch in Führung liegen.

Die gute Nachricht für Johnson und Corbyn am Ende einer katastrophalen Woche ist, dass weder die Anti-Brexit-Partei, die kleinen Liberaldemokraten, noch die Brexit-Partei von EU-Gegner Nigel Farage, von der  Misere der großen Parteien profitieren könnten – jedenfalls noch nicht. Nur die schottischen Nationalisten scheinen gut davon zu kommen. Aber der 12. Dezember ist noch weit weg. Und wie der frühere britische Premierminister Harald Wilson einst sagte: „eine Woche in der Politik ist eine sehr lange Zeit“. Heute sind fünf Wochen fast schon eine Ära. Die Frage ist nun, ob die „Komödie der Irrungen“, um William Shakespeare zu zitieren, fortgesetzt wird oder ob die Politik sich auf ihre eigentliche Funktion besinnt und den irritierten Wählern ein ernsthaftes politisches Angebot für die Zukunft macht. Die Wähler haben jedenfalls besseres verdient als diese letzte Woche.

Autor: Grahame Lucas

Journalist, Publizist

2 Kommentare zu „Pleiten, Pech und Pannen erlebten die Spitzenkandidaten in der ersten Woche des britischen Wahlkampfes“

  1. Als Problem der Remainer erweist sich immer mehr Corbyn.Seine Wirtschaftspolitischen Ansichten- das Gegenteil von Shanghai an der Themse- sind auch mit der EU nicht zu machen.Insoweit ist die Zusammenarbeit der kleineren Parteien ein Hoffnungsschimmer,ob er reicht?
    Was ich als Deutscher nicht verstehe,ist die Haltung der sin fane in Nordirland.Den Schwur auf die Königin würde ich billigend in Kauf nehmen,um die Vereinigung Irlands voran zu treiben.Ich kann im Unterhaus aber mitentscheiden beim brexit.Die Schottischen Nationalisten machen es doch vor!

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    1. Ich stimme Ihnen zu, dass Corbyn ein großes Problem ist. Seine Wirtschaftspolitik kommt mir vor, wie eine Rückkehr in die 70er Jahre: die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien sowie Versorgungsunternehmen und der Bahn. Ich bin sehr gespannt auf das Parteiprogramm und die Angaben zur Finanzierung. Im übrigen wollen die Konverativen auch Milliarden verteilen. Das Land wird dann einen Schuldenberg vor sich schieben.
      Sinn Fein wird nie ein Eid auf die britische Krone abgeben. Die Partei will die Wiedervereinigung und das hat oberste Priorität. Aber die Partei hat jetzt angekundigt, nicht gegen Parteien zu kandidieren, die Kandidaten der Demokratischen Unionisten (DUP) schlagen können. Bei sehr knappen Mehrheitsverhältnissen in Westminster nach der Wahl könnte das von Bedeutung sein.

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