Die erste TV-Debatte der Parteivorsitzenden Boris Johnson und Jeremy Corbyn vor der Unterhauswahl in Großbritannien bleibt ohne klaren Sieger #UKElection2019

Die beiden großen politischen Parteien im Vereinigten Königreich, die Konservativen und Labour haben noch nicht ihre Wahlprogramme veröffentlicht, obwohl die Wahl am 12. Dezember immer näher rückt. Allerdings haben sich die beiden Parteichefs Boris Johnson und Jeremy Corbyn bereits eine teils heftige TV-Debatte geliefert, um ihre Befähigung für das Amt des Premierministers unter Beweis zu stellen. Interessanter wäre ein derartiges Spektakel natürlich nach Bekanntwerden des jeweiligen Wahlprogramms.

Für Labour-Anhänger war die Debatte ermutigend. Ihr Vorsitzender Jeremy Corbyn, den viele vor der Debatte mit Premierminister Boris Johnson abgeschrieben hatten, hat in einer Blitzumfrage direkt nach der Sendung mit Johnson gut abgeschnitten (49%). So niedrig waren die Erwartungen im Corbyn-Lager vor der Debatte, dass dieses Unentschieden wie ein Sieg wirkte.

Wenn die Erwartungen bei Labour niedrig waren, waren sie bei den Konservativen haushoch. Immerhin führen die Konservativen mit einem Vorsprung von 12-17 Prozent in den Meinungsumfragen. Sie haben Johnson in erster Linie zum Parteichef gewählt, weil er Wahlen gewinnt. Zweimal siegte er überraschend bei der Wahl zum Oberbürgermeister von London, einer Stadt, die eher links wählt. Und 2016 war er beim EU-Referendum die entscheidende Persönlichkeit, die den Sieg für das Austrittslager sicherte. Sowohl in London als auch beim EU-Referendum hat Johnson, ein wohlhabender Mann der Oberschicht, traditionelle Labour-Wähler überzeugt, die sich von der humorvollen und charmanten Persona „Boris the Clown“ angesprochen fühlten. Johnson „erreicht Wähler, die sonst kein konservativer Politiker erreichen kann“, heißt es.

Deshalb hatten die Konservativen ihren Mann im Trainingslager intensiv auf Angriff vorbereitet. Es sollte bloß keine Fehltritte geben. “Ein Frontalangriff gegen die sozialistische Gefahr“ lautet das Motto. Vor der Debatte ließ Boris Johnson sich im Ring als Boxer filmen, um in Stimmung zu kommen. Er und seine Berater hatten sich einen KO-Sieg in der ersten Runde vorgestellt.

Aber ihm gelang es nicht, trotz heftiger Attacken in der Anfangsphase, den Labour-Chef in die Knie zu zwingen.  Der Linkshaken zum Thema Brexit deutete sich zwar mehrfach an, aber Corbyn schaffte es, seinen Vorschlag für Neuverhandlungen mit der EU gefolgt von einem zweiten EU-Referendum, halbwegs zu rechtfertigen. Er versuchte, die offenkundigen Widersprüche seiner Brexit-Politik zu überspielen. Nachher wusste niemand, ob er den Brexit nun unterstützt oder nicht. Sein erwünschtes Ziel dabei: Sowohl Remainer als auch Leaver können Labour wählen. Das brachte ihm zwar das Gelächter der Zuschauer ein, aber der KO-Schlag blieb aus. Johnson ließ nicht locker und verkündete, dass Corbyn sowohl ein neues EU-Referendum als auch ein Unabhängigkeitsreferendum für Schottland im Jahre 2020 wolle. Aber nicht mit ihm. Er, Johnson, wolle seine Vision vom Vereinigten Königreich direkt nach dem Brexit verwirklichen und nicht wieder Jahre vertändeln. Corbyn konterte, es gebe seit Jahren unter den Konservativen  Chaos wegen des Brexit, womit er nicht unrecht hat. Nichtsdestotrotz punktete Johnson an dieser Stelle und für Corbyn war es die schwächste Phase in der Debatte. Die Werbeunterbrechung kam gerade rechtzeitig,

Nach der Pause allerdings rückten die Wahlversprechungen der beiden Spitzenkandidaten in den Vordergrund und Corbyn gelang es wesentlich besser, Johnson auf Distanz zu halten und sogar das eine oder andere Mal mit präzisen Schlägen zu punkten. Im Vorfeld hatte Corbyn gesagt, dass er Johnson zwingen wolle, Details seiner Politik preiszugeben. Das gelang ihm zunehmend. Johnson, der oft die genauen Fakten nicht präsent hat, tappte in die Falle. Ihm ging langsam die Puste aus. Corbyn erwischte ihn glatt bei „terminologischer Ungenauigkeit“, wie Churchill einst Lügen bezeichnete. Nach einem Schlagabtausch wurden aus 40 neuen Krankenhäusern dann doch nur sechs. Peinlich…. Johnsons Bemühungen, die Unterfinanzierung des Gesundheitssystems mit dem Brexit zu rechtfertigen, scheiterten kläglich. Corbyn verwies auf die ununterbrochene Regierungsverantwortung der Konservativen seit 2010. Hier begann Corbyns stärkste Phase. Er sprach die Zuschauer emotional an, und erzählte von einem Krebspatienten, der in den letzten Stunden seines Lebens wegen Ärztemangel bis zu seinem Tod sehr gelitten hatte. Der Schlag saß und Johnson war verunsichert. Darüber hinaus kam sein rüdes Verhalten gegenüber der Schiedsrichterin bzw. Moderatorin, die ihn wiederholt ermahnte, bei seinen Antworten die vorgegebene Zeit einzuhalten und nicht mehr über den Brexit zu sprechen, bei weiblichen Wählern nicht gut an. Bei diesen hat er sowieso schon Probleme.

Unter den Angriffen Corbyns griff Johnson immer wieder auf seine Strategie zurück: „Wenn du nicht weiter weiß, rede dich einfach beim Thema Brexit heiß“. Dies irritierte die Zuschauer zunehmend.

Nun stellt sich die Frage: Werden die Parteistrategen beim Brexit als Hauptthema bleiben können? Nach dieser Debatte kann man Zweifel haben. Die Briten haben den Brexit satt. Man spürt, sie wollen mehr über die Entwicklung der britischen Gesellschaft nach dem Brexit wissen: Globales Großbritannien mit geringen Standards, Löhnen und Steuern. Steuert der Brexit dorthin? Oder kommt der Sozialismus? Ist das die Wahl? Wenn ja, ist es erschreckend für die politische Mitte. Die Zuschauerfragen deuteten an, dass es den Wählern eher um konkrete Vorschläge für die Zukunft als um eine Fortsetzung der hitzigen Brexit-Debatte geht. Die dauert inzwischen immerhin dreieinhalb Jahre.

Das Thema „Politikverdrossenheit“ kam klar zur Sprache, als ein Zuschauer die Frage stellte: Wie kann Politikverdrossenheit überwunden und Vertrauen in Politiker  wiederhergestellt werden? Es geht plötzlich um die „Marke Johnson“, den  „Clown“ um seine öffentliche Person, die, so ein früherer Chef, „ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit“ hat. Als junger Journalist wurde er immerhin von „The Times“ gefeuert, weil er ein Interview frei erfunden hatte. Seine Berichterstattung aus Brüssel in den 90er Jahren hatte, so ein Kollege, mehr mit seiner Fantasie zu tun als mit Fakten.

Johnson setzte an, zu antworten, wurde aber von den Zuschauern durch Gelächter zunächst daran gehindert. Hier wurde sein großes Glaubwürdigkeitsproblem sichtbar. Viele Menschen trauen ihm offenbar nicht.

Die Labour-Partei wird sich überlegen müssen, wie sie diese Schwäche ausschlachtet, wenn sie eine Unterhausmehrheit der Tories verhindern will.

Die Debatte ging dann mit einem Versprechen der beiden Politiker, den Ton und die Qualität der politischen Debatte zu verbessern, zu Ende. Die Moderatorin schlug den beiden Kontrahenten vor, sich die Hand zu geben, was dann auch widerwillig erfolgte.

Wer aber an eine Verbesserung der politischen Kultur der Gegenwart glaubt, muss sehr gutgläubig sein. Denn als die Debatte endet, wird bekannt, dass sich die Webseite der Konservativen Partei während der TV-Übertragung  auf Twitter als „Fact Checker“ ausgegeben hatte, um den Eindruck zu erwecken, dass ihre Meldungen über die Debatte glaubwürdig und neutral seien. Die Webseite meldete einen klaren Sieg Johnsons – ein unglaublicher Fall von „Fake news“ und Betrug am Wähler! Die Konservativen weisen jegliche Kritik zurück….

Es wird einige Tage dauern, bis die Eindrücke, die die TV-Debatte auf die Wähler hinterlassen haben, einen Niederschlag in den Meinungsumfragen finden. Da Johnson gegenwärtig führt, reicht es ihm und den Konservativen, wenn sie ihre Umfragewerte halten können. Corbyn muss hingegen die Position Labours erheblich verbessern. Sollte dies nicht geschehen, hat er eine letzte Chance bei der letzten Debatte am 6. Dezember. Schlecht für Corbyn ist die Tatsache, dass nach eigenen Angaben weniger als zehn Prozent der Wähler sich von den Debatten bei der Wahl beeinflussen lassen. Johnson bleibt daher der Favorit für die Wahlen am 12. Dezember.

Autor: Grahame Lucas

Journalist, Publizist

Ein Gedanke zu „Die erste TV-Debatte der Parteivorsitzenden Boris Johnson und Jeremy Corbyn vor der Unterhauswahl in Großbritannien bleibt ohne klaren Sieger #UKElection2019“

  1. Ich kann nur hoffen,dass der Eiertanz von Corbyn in der Brexit Frage mit dem Wahlprogramm ein Ende hat.Die Alternative,die Labour für den Wähler bieten muß.:
    Die sozialen Notwendigkeiten und der Klimaschutz und die Einheit des Königreiches sind nur mit einer Zollunion mit der EU und nicht mit Freihandelsabkommen mit den USA zu finanzieren.Der Deal von Johnson ist so schlecht,dass ein Shanghai an der Themse die logische Folge ist.Über Austritt mit enger Anbindung an die EU.Oder Verbleib in der EU.Darüber hat der Wähler durch ein 2. Referendum zu entscheiden.
    Das nenne ich mal eine klare Ansage von Labour.

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