Könnte Boris Johnson seinen Wahlkreis im Nordwesten Londons verlieren? Möglich ist es #GBWahl2019

Wenn man Journalisten, die lange Jahre über Unterhauswahlen auf der Insel berichtet haben, fragt, welche Ereignisse für die größten Überraschungen gesorgt haben, fällt oft der Name Michael Portillo. Im Jahre 1997 war er Verteidigungsminister der konservativen Regierung und ein führender Kandidat für die Nachfolge von Premierminister John Major. Bei der Wahl siegte Tony Blair haushoch. Portillo erlitt eine große persönliche Erniedrigung: Er verlor seinen Parlamentssitz und beendete seine politische Laufbahn. Ein brutaler Absturz. Da so gut wie keiner darauf gewettet hatte, verdienten die Buchmacher kräftig.

Das war möglich, weil das parlamentarische System in Großbritannien ein besonders Merkmal hat, das auch bei den Unterhauswahlen am 12. Dezember für eine Sensation sorgen könnte. Jeder Kandidat, der ins Unterhaus ziehen möchte, muss in seinem Wahlkreis ein Direktmandat gewinnen. Es gibt keine Listen oder andere Möglichkeiten, ins Parlament zu ziehen. Und das gilt auch für einen Parteichef, der – wenn seine Partei die größte Fraktion bildet – von der Königin gebeten wird, als Premierminister eine Regierung zu bilden. Nur ein gewählter Abgeordneter kann also Premierminister werden.

Meistens haben führende Politiker im Verlaufe der Jahre, ob Minister oder Premierminister, dafür gesorgt, dass sie Wahlkreise vertreten, die als sichere Hochburg ihrer Parteien gelten. Und wenn nicht, haben sie stets versucht, durch ständige Präsenz, ihre Wähler an sich zu binden. Im optimalen Falle war ihnen stets eine fünfstellige Mehrheit sicher. Aber einen derartigen Vorsprung genießt Boris Johnson in seinem Wahlkreis nicht. Johnson, der das Unterhaus verließ, um 2005 Oberbürgermeister von London zu werden, kehrte nach seiner zweiten Amtszeit im Jahre 2015 in einen Wahlkreis zurück, der eine relativ kleine konservative Mehrheit hat. Bei der Unterhauswahl 2017 schrumpfte Johnsons Mehrheit noch weiter.

Am 12. Dezember verteidigt er seinen Vorsprung von nur knapp 5000 Stimmen in Uxbridge und South Ruislip im Nordwesten Londons vor dem Labour-Kandidat. Die Wähler bekommen ihn allerdings selten zu sehen, denn dem Absolvent von Eton und Oxford zieht es selten in einen Teil von London, der wenig mit dem Leben der britischen Oberschicht gemein hat.

Kein Wunder, dass Labour versucht, Johnsons scheinbare Verwundbarkeit gezielt auszunutzen. Deshalb hat sie eine Enthauptungsstrategie entwickelt und setzt alles darauf, Johnson in seinem Wahlkreis eine bittere Niederlage wie einst Portillo beizubringen. Ein Unterhaus ohne Johnson würde die Konservativen in eine tiefe Führungskrise stürzten. Labour hofft auf ein Wunder.

Dabei setzt Labour auf die Jungwähler, vor allem auf die Studenten der Brunel-Universität, dessen Campus im Wahlkreis liegt. Labours Kandidat heißt Al Reza Milani, ein Absolvent der Universität und früherer Präsident der linksgerichteten Studentengewerkschaft. Der Labour-Kandidat wurde im Iran geboren. Er ist im Wahlkreis tief verwurzelt – eine Erfolgsgeschichte der britischen Integrationspolitik. In einer multikulturellen Stadt wie London könnte dies von Vorteil sein. Man denkt an den Oberbürgermeister Londons, Sadiq Khan, dessen Vater als Busfahrer nach Großbritannien kam. Darüber hinaus zeigt die Geschichte des Landes, dass Wähler tendenziell Kandidaten bevorzugen, die sich stark für ihren Wahlkreis engagieren und sich oft blicken lassen. Vorteil Milani.

Der Kandidat ist ein Mann nach dem Geschmack von Parteichef Jeremy Corbyn. Milani macht einen modernen Wahlkampf und setzt auf seine Präsenz vor Ort und  auf die sozialen Medien. Aktivisten im Wahlkreis gehen von Tür zu Tür und berichten von einer hohen Zustimmung für ihren Kandidaten. Labour ist optimistisch, sehr optimistisch.

Oft überschatten wichtige Lokalthemen nationale Wahlkampfthemen. In Uxbridge und South Ruislip ist das der Fall. Der Bau der dritten Lande- und Startbahn des Londoner Flughafens Heathrow ist von enormer Relevanz für die Wahlberechtigten des Wahlkreises. Johnson hatte mal angekündigt, sich vor die Raupenbagger zu werfen, um den Baubeginn zu verhindern. Typisch Johnson. Bei der entscheidenden Abstimmung im Unterhaus weilte er dann aber im Ausland, weil er offenbar nicht gegen die Regierung May für den Flughafenausbau votieren wollte. Das hätte ihm ja geschadet. Im Wahlkreis heißt es, er – das Großmaul – habe seine Wähler verraten.

Labour-Aktivisten vergleichen die Situation heute gern mit dem Ausgang der Wahl im Jahre 1945. Damals verlor Winston Churchill den Urnengang, obwohl er die Briten zum Sieg im Zweiten Weltkrieg geführt hat. Aber die Wähler wollten eine soziale Dividende für die Kriegsanstrengungen, die Churchill ihnen nicht geben wollte. Nun hofft die Labour-Partei, dass ihr Kandidat mit seiner Opposition zum Flughafenausbau sowie  mit seinen Forderungen nach einem Ende der Sparpolitik der Konservativen, einen Ausbau des nationalen Gesundheitssystems (NHS) sowie pünktlichen und bezahlbaren Nahverkehr einen ähnlichen Überraschungssieg über Johnson erringen kann.

Labour-Aktivisten berichten gern von einem Auftritt Johnsons im Wahlkreis, wo Wähler über die Luftverschmutzung durch den Flug- und Autoverkehr sowie über die innere Sicherheit sprechen wollten und nicht über den Brexit. Johnson habe aber nur über sich selbst geredet. Auch das Vertrauen in Johnson ist gering, eine Botschaft, die die Aktivisten von vielen Wählern hören.

Ist eine Rückkehr Johnsons ins Unterhaus also gefährdet? Wahlforscher sind sich nicht so sicher. Sie verweisen darauf, dass Johnsons Wahlkreis seit über 50 Jahren stets einen Kandidaten der Konservativen gewählt hat. Er sollte deshalb als sicherer Sitz für die Partei gelten. Er liegt zwar genau zwischen einem als sicher geltenden Sitz der Konservativen im Norden und einem als sicher geltenden Sitz von Labour im Süden. Wahlpräferenzen sind stark durchmischt. Aber viele Wähler haben ihre ehemalige Sozialwohnung von der Gemeinde während der Thatcher-Regierungsjahre gekauft. Sie haben von dem enormen Anstieg der Immobilienpreise in London profitiert und werden deshalb als „Kinder Thatchers“ bezeichnet. Beim EU-Referendum im Jahre 2016 gab es eine deutliche Mehrheit für den Brexit, was für einen Londoner Wahlkreis außergewöhnlich war. Und was die Mobilisierung der Studenten angeht, weisen Wahlforscher darauf, dass viele sicherlich noch als Wähler in den Wahlkreisen der Eltern registriert sind. Immerhin führt Johnson noch deutlich in den Meinungsumfragen landesweit. Auch als Labour unter Tony Blair große Mehrheiten im Unterhaus gewann, gelang es der Partei nicht, Uxbridge und South Ruislip zu erobern.

Und schließlich sollte man einen weiteren Faktor erwähnen. Traditionell gewinnen Premierminister ihre Wahlkreise. Ein entscheidender Wähleranteil ist in der Regel bereit, so scheint es, eine parteipolitische Zuneigung zu vergessen, wenn der Premierminister in seinem Wahlkreis kandidiert. Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn der Kandidat ein namensloser Hinterbänkler ist.

Aber letztlich ist die Situation in dem Wahlkreis so eng, dass keiner einen Sieg für den einen oder den anderen in Uxbridge und South Ruislip prognostizieren will. Großbritannien wäre ohne die Buchmacher nicht Großbritannien. Was sagen sie? Obwohl Johnson als Favorit in seinem Wahlkreis gilt, bezeichnen diese Woche die Buchmacher Milanis Chancen gegen Johnson als „steigend“ mit einer Wettquote von 5/1. Aus ihrer Sicht ist eine Niederlage Johnsons jedenfalls nicht auszuschließen.

Autor: Grahame Lucas

Journalist, Publizist

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