Egal wer am 12. Dezember die #Unterhauswahl in #Großbritannien gewinnt, der Verlierer steht fest: der Journalismus

Der Aufstieg des Populismus und die sozialen Medien haben den traditionellen Journalismus im britischen Wahlkampf vor scheinbar unlösbare Problemen gestellt. Zuschauer, Hörer und Leser wissen sehr wohl, was sie erwartet, wenn sie eine Zeitung  kaufen: Die Zeitungen vertreten die politische Haltung des Herausgebers. Die Themen werden ausgewählt und behandelt, um seiner Philosophie und seiner Meinung zu entsprechen. Das ist nicht verwerflich und auch nicht neu. Vielmehr ist es ein Bestandteil des Pluralismus und der Meinungsvielfalt.

Nicht zuletzt deshalb gibt es die öffentlich-rechtlichen Sender wie die BBC oder Channel4, die für eine objektive und ausgewogene Berichterstattung sorgen sollen. Das war die Situation bis zur Verbreitung der sozialen Medien und relativ  überschaubar. Journalisten bestimmten die Themen und wie sie behandelt wurden im Sinne ihrer Rolle als Wächter über die politischen Parteien und die Demokratie. Sie sollten für Fairness sorgen und die Versprechungen der Politiker überprüfen. Derjenige, der log, wurde an den Pranger gestellt.

Die sozialen Medien haben die traditionelle Medienwelt völlig verändert und Journalisten teilweise die Auswahl der Themen aus der Hand genommen. Jetzt ist jeder Twitter- oder Facebook-Nutzer in der Lage, die politische Agenda zu beeinflussen. Niemand kontrolliert die Inhalte auf Wahrheit oder Faktentreue. Es wird teilweise gezielt gefälscht. Man weißt meistens nicht von wem.

Populisten wie Boris Johnson nutzen diese neuen Möglichkeiten aus, um einen Journalisten-freien Raum zu schaffen, wo sie beispielsweise auf Facebook ihre Botschaften verbreiten können, ohne die lästigen Fragen eines Journalisten beachten zu müssen. Auch kontrollieren die politischen Berater jeden Auftritt streng, um ein Verhör durch Journalisten zu verhindern. Wenn die Situation eines spontanen Live-Interviews auftritt, wie gestern einen Tag vor der Wahl, gibt es dementsprechend Slapstick-artige Szenen: Boris Johnson flieht in Panik in einen Gefriercontainer in einer Fabrikhalle. Dummerweise gibt es einen Videobeweis von einem Twitter-Nutzer.

Johnson boykottierte auch ein längeres Interview-Format mit dem Starjournalisten der BBC, Andrew Neil. Obwohl die anderen Parteivorsitzenden sich Neils bohrende Fragen stellten, spielte Johnson auf Zeit und verweigerte „aus Zeitgründen“ eine Zusage.

Einer Debatte der Parteichefs über den Klimanotstand, veranstaltete von dem öffentlich-rechtlichen Sender Channel4, blieb Johnson ebenfalls fern. Sein Kalkühl? Seine konservativen Wähler leugnen den Klimawandel und deshalb müsse er keine unangenehmen Journalisten-Fragen beantworten.

Doch wenn aber der Journalist keinen Zugang hat, kann er den Politiker nicht hinterfragen. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Johnsons Beraterstab versucht auch, Journalisten zu manipulieren. Vor zwei Tagen verbreitete sich blitzschnell eine Meldung in den sozialen Medien aus, dass ein Demonstrant einen Berater des Gesundheitsministers tätlich  angegriffen hätte. Sowohl die Chefreporterin der BBC als auch der Chefreporter des privaten Senders ITV berichteten, der Mann sei geschlagen worden. Als ein Video auf Twitter gepostet wurde, das deutlich machte, dass es sich um einen Unfall handelte, ruderten beide zurück und beriefen sich auf Quellen ganz oben in der Konservativen Partei. Offensichtlich hatten beide Journalisten ihre Recherchepflicht vergessen und hatten sich manipulieren lassen.

Später meldete sich die selbe BBC-Chefreporterin mit der Nachricht, dass die Ergebnisse der Briefwahl für die Konservativen positiv seien. Laut der britischen Wahlkommission sind diese Ergebnisse bis zur Schließung der Wahllokale streng geheim. Demzufolge ist die Chefreporterin der BBC gegen das geltende Wahlrecht verstoßen. Die Frage nach der Quelle bleibt und wurde von ihr nicht beantwortet. Inzwischen versucht die BBC, diese Meldung und alle dazu gehörende Links zu löschen.

Als wenn die Verweigerung von Interviews und die Manipulation von Journalisten nicht genug wäre, gab es im Wahlkampf eine Flut von falschen Behauptungen. Das Problem: Der Nachrichtenzyklus ist durch die sozialen Medien inzwischen so schnell, dass Journalisten kaum die Chance bekommen, eine Behauptung oder gar eine Lüge zu recherchieren und zu widerlegen, bevor das Thema durch die nächste Falschmeldung überrollt wird. Nach einem Interview mit Boris Johnson musste der prominente BBC-Moderator Andrew Marr sich anhören, er habe mindestens vier krasse Lügen des Premierministers in wenigen Minuten durchgehen lassen. Wer nennt gern den Premierminister einen Lügner? Mindestens eine Lüge hätte er zurückweisen müssen: Johnson behauptete trotz anderslautender Vereinbarung mit der EU, es werde keine Zollkontrollen zwischen Nordirland und Großbritannien geben. Schamlos.

Jeremy Corbyn, der Labour-Chef und Johnson-Herausforderer, hat auch nicht immer sauber gearbeitet. Beispiel: Er behauptete, die Zahl der Gewaltverbrechen habe sich in Zeiten der konservativen Sparpolitik verdoppelt. Der Vorsitzende des obersten nationalen Statistikamtes musste einschreiten, um Corbyn darauf hinzuweisen, dass seine Behauptung falsch sei. Aber die Behauptung war schon längst auf Facebook und Twitter unterwegs. Corbyn widerrief nicht.

Und dann gibt es die glatten und wissentlichen Verfälschungen. Während der ersten TV-Debatte zwischen Johnson und Corbyn hat die Webseite der Konservativen Partei auf Twitter den Namen geändert. Statt unter dem Begriff „Konservative Partei“ zu firmieren, nannte sich die Seite kurzerhand „Fact-Checker“ für die Dauer der Debatte. Niemand wird überrascht zu erfahren, dass die Webseite nach der Debatte einen überragenden Sieg Johnsons ausrief. Als die Irreführung der Öffentlichkeit nach der Debatte aufflog, verweigerte die Partei eine Entschuldigung.

Aus rechtsradikalen Kreisen gab es auch einen widerlichen  Versuch, Jeremy Corbyn zu diffamieren. Nach dem Terroranschlag auf der Londoner Brücke meldete ein Fakeaccount, das dem offiziellen Corbyn-Account verblüffend ähnlich aussah, „Sympathie mit dem Angreifer“ und kritisierte die Londoner Polizei. Die verfälschte Meldung verbreitete sich wie ein Lauffeuer und löste Entsetzen aus. Tatsächlich hatte Corbyn bereits sein Beileid an die Familien der Opfer übermittelt und die Polizei gelobt.

Eine Auflistung aller Lügen, Falschmeldungen, ihrer Hintergründe und ihrer Urheber bei dieser Unterhauswahl würde ein Buch füllen. Das Ergebnis ist erschreckend. Noch erschreckender ist die Machtlosigkeit des Journalismus und seine Unfähigkeit dagegen zu halten. Viele Menschen sprechen von der schmutzigsten Wahl in der Geschichte Großbritanniens. Ich kann nicht widersprechen. Aber der Zeitpunkt ist erreicht, wo der Journalismus sich mit den veränderten Bedingungen im Zeitalter der sozialen Medien beschäftigen muss. Antworten auf die Herausforderung des Populismus sind dringend nötig vor allem, weil viele Menschen das Vertrauen nicht nur in die Politik, sondern auch in den Journalismus verlieren.  

Autor: Grahame Lucas

Journalist, Publizist

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